Archiv
11.08.2010 - kikaku® - Kinderkampfkunst für eine Gewaltfreie Stadt
11.08.2010 - kikaku® - Kinderkampfkunst für eine Gewaltfreie Stadt
Die kikaku®-Kinder nach der ersten Gürtelprüfung (Foto: Friedlein)
kikaku® soll Kindern – vor allem den Kindern, die durch schreckliche Erlebnisse entwürdigt sind – Würde vermitteln, ihnen zeigen, welche wunderbaren Möglichkeiten in ihnen liegen. kikaku® entspricht damit dem pädagogischen Prinzip der „Schatzsuche“. „Dies bedeutet, den Blick auf Ressourcen und Stärken eines jeden einzelnen Kindes zu richten und das Kind bekräftigen, mit dem Wissen um sein eigenes Können als Grundlage, neue Herausforderungen in Angriff zu nehmen“ (www.schatzsuche.uni-bayreuth.de/philosophie).
Das Kinderhaus Bayreuth (Foto: Kinderhaus Bayreuth)
Im Mittelpunkt des Trainings steht der Gedanke des „friedlichen Kriegers“ (vgl. das gleichnamige Buch von Neumann, von Saldern, Pöhler & Wendt). Dieser lehnt Gewalt in sozialen Begegnungen ab, bleibt im Ernstfall respektvoll, achtet auf das Wohlergehen aller Beteiligten und verhält sich bis zum Äußersten defensiv. Bei kikaku® geht es also in erster Linie darum, die Psyche der Kinder zu stärken. Dies wird mit einem eigens entwickelten Konzept angestrebt. Es kombiniert verschiedene Kampfkunstaspekte zu einem Modell, das Raum für Spiel, Begegnung, Kämpfen aus der Distanz und im Kontakt, Meditation und dem Erspüren von Kraftwirkung beinhaltet – und das die Entwicklung für verschiedene Kampfkünste offen lässt.
Die kikaku®-Kinder beim Kihon-Training (Foto: Kuhn)
Alles, was im kikaku®-Training gemacht wird, muss sich also daran messen lassen, ob es dem defensiven Anliegen der vom Do-Gedanken geprägten Kampfkünste entspricht. Ni sente nashi – nicht die erste Bewegung – schreibt uns Funakoshi Gichin ins Stammbuch. Und Kano Jigoro verbindet seiryoku zenyo (maximale Wirkung bei minimalem Aufwand) und jita kyoei (gemeinsamer Fortschritt durch gegenseitige Hilfe) zu einer tief humanistischen Gesinnung. Das gilt für kikaku® in besonderem Maße. Es bedeutet gleichwohl nicht, dass die Kinder nur Abwehrtechniken lernen. Doch die Angriffstechniken stehen unter dem Vorbehalt, dass sie nur im Training angewendet werden dürfen und vor allem dazu dienen, dass der Partner lernt, sich dagegen zu verteidigen.
Die kikaku®-Kinder beim Erlernen der Heian Shodan (Foto: Kuhn)
Parallel dazu haben die Erzieher/innen des Kinderhauses für jedes Kind ein Portfolio angelegt. Dabei handelt es sich um ein Instrument der Bildungsdokumentation und Bildungsplanung, in dem nicht nur Wahrnehmungen und Vorhaben der Erzieher/innen, sondern auch die Vorstellungen der Kinder gesammelt werden. Darin befinden sich z.B. auch die Zeichnungen der Kinder zum Kampfkunsttraining, die ebenfalls Gegenstand wissenschaftlicher Analyse sind.
Maria Salosnig, Leiterin des Kinderhauses, verspricht sich vom Projekt kikaku® einen Entwicklungsschub für Hortkinder mit erhöhtem Förderbedarf im sozialen und emotionalen Bereich. Diese Kinder brauchen vor allem Lern- und Übungsgelegenheiten für den adäquaten Umgang mit ihren Gefühlen und Bedürfnissen, aber auch für einen sinnvollen Umgang mit Körperkräften. Über die gesteigerte Selbstwahrnehmung, so wird erwartet, stärkt das gemeinschaftliche Kampfkunsttraining auch das Selbstwertgefühl der oft ängstlichen Kinder und ihre Kompetenzen im Umgang mit Gewalt.
Getragen wird das Projekt vom Förderverein des Kinderhauses Bayreuth. Dr. Kuhn arbeitet ehrenamtlich und seine Mitarbeiter erhalten einen Unkostenausgleich. Da einige der kikaku®-Kinder von Armut betroffen sind, hat die Karateschule Okinawa Bayreuth die Kampfsportanzüge gestiftet. Und auch die erste Gürtelprüfung wurde tatkräftig von außen unterstützt. Der Bayerische Karate Bund und der Bayerische Judo Verband haben die Urkunden und die Prüfungsmarken kostenlos zur Verfügung gestellt. Der BJV hat darüber hinaus die weiß-gelben Gürtel gestiftet.
Mokuso anlässlich eines öffentlichen Trainings (Foto: Pfeiffer)
Im Anschluss an die Kata-Prüfung stand – als Schwerpunkt des Neulernens in diesem Training – die Kata Heian Shodan auf dem Programm. Die Kinder freuten sich zu erfahren, wie leicht es ihnen fiel, sich den Ablauf zu merken und führten dies mit ihren eigenen Worten auf das häufige Üben der Kikaku Shodan zurück. Die gemeinsame Demonstration der Heian Shodan belohnten die Prüfer mit der Verleihung des gelben Streifens auf dem weißen Karatedo-Gürtel. So war es abschließend möglich, den Kindern den weiß-gelben Gürtel zu verleihen, der nun den 8. Kyu im Judo und die Zwischenprüfung zum 8. Kyu im Karatedo symbolisiert.
Qualitätsmerkmale solcher Projekte sind Öffentlichkeit und Nachhaltigkeit. Nicht nur vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussion über Probleme in Bildungseinrichtungen, sondern prinzipiell müssen sich Bildungskonzepte der Öffentlichkeit stellen. Es ist deshalb regelmäßig möglich, kikaku® zu beobachten. Das Kinderhaus lädt bspw. Verwandte und andere Kinder ein, sich das Training anzuschauen und die Erzieher/innen und Projektmitarbeiter sprechen mit den Erziehungsberechtigten über die Entwicklung ihrer Kinder. Der Hauptfaktor für die Nachhaltigkeit liegt in der Einbettung des kikaku®-Projekts in das Netzwerk Gewaltfreie Stadt Bayreuth. Den Anstoß für die Entwicklung dieses Netzwerks hat die Reaktion auf die ersten Medienberichte über kikaku® gegeben (nachzulesen auf www.ki-ka-ku.de). Im Mai wurde das Netzwerk auf Initiative von Dr. Kuhn gegründet. In diesem Netzwerk sollen die Kräfte der Stadt Bayreuth, die sich bereits um das im Projektthema angesprochene Anliegen bemühen, systematisch gebündelt werden. Ziel des Netzwerks ist die Entwicklung der Stadt Bayreuth zu einer gewaltfreien und friedvollen Kommune mit Ausstrahlung auf ganz Oberfranken. Wer sich für die Entwicklung des Netzwerks interessiert, kann sich auf www.gewaltfreie-stadt.de darüber informieren und auf dem Laufenden halten.
Die Gründungsmitglieder sind überzeugt davon, dass Kampfsport und Kampfkunst einen wesentlichen Beitrag zur prosozialen Kultur in Deutschland leisten können. Die Verantwortung und die Möglichkeiten, die damit verbunden sind, dürfen aber nicht einfach postuliert werden. Deshalb bemüht sich das Bayreuther Projekt auch um die Integration von Sportlern und Wissenschaftlern mit dem Ziel einer fundierten Aufklärung. Zusammen mit Prof. Dr. Harald Lange vom Institut für Sportwissenschaft der Universität Würzburg trifft Dr. Kuhn zurzeit Vorbereitungen für eine Kommission „Kampf | Sport & Kunst“ in der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft. Davon und von den daraus entstehenden Projekten und Forschungsarbeiten, so sind sich die Initiatoren sicher, werden letztlich alle profitieren: die Kinder, die Kampfsport- und -kunstverbände und alle Menschen im „Land der friedvollen Krieger“.
von Peter Kuhn, Bayreuth
Kontakt Webmaster
Du hast Fragen, Wünsche, Vorschläge oder Kritik zur BKB Website?
Melanie Müller
medien@karate-bayern.de
Mobil: 0175 / 5977500
Melanie Müller
medien@karate-bayern.de
Mobil: 0175 / 5977500








